Bewältigung von Alkoholproblemen
Die Erfahrungen der Kinder aus Alkoholikerfamilien bergen nicht nur Risiken und Beeinträchtigungen für ihre Entwicklung, sondern auch Chancen. Gemeint sind besondere Ressourcen und Stärken, die sie aufgrund der belasteten Situationen entwickeln können: „Denn mit der Größe der Aufgabe wächst die Kraft des Geistes.“ (Publius Cornelius Tacticus, um 55 - um 120 n. Chr.).
Klaudia Teske (1994) sieht bspw. die Möglichkeit, im späteren Leben Autoritäten gegenüber eher eine vorsichtige Haltung einnehmen zu können, die sich die erwachsenen Kinder wegen der vielen Enttäuschungen und Verletzungen während ihrer Kindheit angeeignet haben. Die Autorin geht auch von einer möglichen größeren Leidensfähigkeit aus.
Das Wissen darum, wie groß und schwer Leid manches Mal auszuhalten und zu ertragen sind, kann sie zu einfühlsamen Persönlichkeiten werden lassen, die nicht selten einen sozialen Beruf ergreifen. Aus ihren Interviewerfahrungen mit Erwachsenen, die in einer Alkoholikerfamilie aufgewachsen sind, berichtet Klaudia Teske auch von der „Fähigkeit, die Dinge beim Namen zu nennen und auf den Punkt zu bringen sowie die Neigung, unterhaltsam und humorvoll zu sein …“ (Teske 1994, S. 85).
Dr. med. Thomas Walser vom Verein Hausärzte Stadt Zürich VHZ geht davon aus, dass die Fähigkeit zur Resilienz erlernbar ist und somit auch im späteren Erwachsenenleben nicht bewältigte Konflikte und Lebenskrisen gemeistert werden können. In dieser Annahme sehe ich eine Entsprechung mit der „longitudinalen Kompensation“ nach dem Konzept der psychosozialen Krisen im Lebenszyklus von Erikson, wonach es ebenfalls möglich ist ungünstige Krisenlösungen zu beeinflussen oder zurückzunehmen.
In den Resilienzen sehe ich Parallelen zu den psychosozialen Phasen, die Inhalt des Konzepts von Erikson sind, und die bei gelungener Bewältigung zur Entwicklung und Akzeptanz einer eigenständigen Identität führen. Zusammenhänge sind meines Erachtens zwischen dem Faktor der „Einsicht“ und der Phase „Urvertrauen vs. Misstrauen“ im ersten Lebensjahr zu sehen, deren Kerninhalt ein Zutrauen zu anderen, als auch eine eigene Vertrauenswürdigkeit ist. Eine Verbindung sehe ich ebenso bei der Resilienz „Unabhängigkeit“ und der Phase „Autonomie vs. Scham“ im zweiten bis dritten Lebensjahr. Im günstigsten Fall entwickelt sich in dieser Phase, u.a. durch das Laufen lernen, ein Machtgefühl, das die Grundlage für Autonomie, eine Selbstgewissheit, Dinge eigenständig erledigen zu können.
Weitere Zusammenhänge sehe ich zwischen der Resilienz „Initiative“ und den Phasen „Initiative“ & „Werksinn“, als auch zwischen „Kreativität“ und Identität. Bezogen auf die „Beziehungsfähigkeit“ glaube ich, dass hier die Gefahren der Rollenrigidität bestehen, die mittels Perspektivenwechsel durch Erfahrungen bei anderen Familien und Gruppen, gehemmt bzw. verhindert werden kann.
Eine konkrete Alterszuordnung zu den Resilienzen nehmen Wolin und Wolin (1995, 1996) nicht vor. Sie teilen die Entwicklung, ausgehend vom Kindesalter über die Jugend bis hin zum Erwachsenenalter, in drei Bereiche auf, wonach die Resilienzen idealerweise bereits im Kindesalter gefördert werden und sich dann positiv auf die weitere Entwicklung auswirken. Da die Autoren eine „Nachheilungsmöglichkeit“ im Sinne von Erikson nicht explizit ausschließen, bin ich der Meinung, dass das Konzept von Erikson mit den Entwicklungsfaktoren von Wolin und Wolin vergleichbar ist.

