Alkoholismus und das Wesen der Alkoholikerfamilie
Entgegen herkömmlicher Auffassungen, gibt es verschiedene Typen von Alkoholikern. Sie unterscheiden sich in ihrem verschiedenartigen Trinkverhalten, das u.a. bestimmt ist durch Anlass, Menge und Dauer des Trinkens sowie dem Grad der körperlichen Abhängigkeit. Unterschieden werden der Spiegeltrinker (trinkt regelmäßig über den Tag verteilt), Rauschtrinker (konsumiert Alkohol unkontrolliert, vor allem bei Anlässen wie Kneipentreffen oder Feste), Konflikttrinker (Alkohol wird als Lösungs- oder Bewältigungsmöglichkeit betrachtet) und Periodischer Trinker/Quartalstrinker (Trinkphasen sind im Wechsel mit Phasen der Abstinenz, Anlass und Auslöser sind für den Süchtigen undurchsichtig). Die verschiedenen Typen können auch in Kombination auftreten.
Die durch den Alkoholismus beeinflussten Interaktionen zwischen den Familienmitgliedern erinnern mich an die Struktur und das Prinzip eines Mobile: Ein zusammenhängendes Gebilde von einzelnen Elementen, das durch minimale Berührungen bzw. Ereignisse in ein großes Ungleichgewicht geraten kann, sich aber selbstständig, von den individuellen Verknüpfungen und Strebungen der Verbindungen leitend wieder ausgleicht, und so das System aufrechterhält. Fixpunkt ist die Sucht, um die sich alles dreht und am Ende „hängen“ die Kinder, die den geringsten Einfluss auf das ganze Geschehen haben.
Familien können als Systeme aufgefasst werden, deren Elemente (Familienmitglieder) interagieren. Sie folgen dabei Gesetzlichkeiten im Sinne von Regeln, Normen und Werten. Die Struktur und Dynamik einer Familie mit einem alkoholkranken Elternteil ist durch eine andere Gesetzlichkeit als bei „gesunden“ Familien gekennzeichnet.
Die erwähnten Gesetzmäßigkeiten, nach denen die Alkoholikerfamilie lebt, nennt Wegscheider (1988) die „Unausgesprochenen Familienregeln“. Sie lauten
- Das Wichtigste im Familienleben ist der Alkohol.
- Der Alkohol ist nicht die Ursache von Problemen.
- Der abhängige Elternteil ist nicht für seine Abhängigkeit verantwortlich, schuld sind andere oder die Umstände.
- Jeder status quo muss unbedingt erhalten bleiben, koste es, was es wolle.
- Jeder in der Familie ist ein „enabler“ (Zuhelfer)
- Niemand darf darüber reden, was „wirklich“ los ist.
- Niemand darf sagen, wie er sich wirklich fühlt. (Wegscheider 1988, zit. nach Zobel 2000, S. 25)
Auch diese Regeln bekräftigen meine Vorstellung über das Verhalten der Familienmitglieder nach dem Prinzip eines Mobiles. Da ist der Alkohol als Dreh- und Angelpunkt des Familienlebens. Sozusagen die Stelle des Mobiles, an der es an der Wand befestigt und somit fixiert ist. Auch die vierte und die fünfte Regel finden in der Metapher Platz: Jede Veränderung des Mobiles führt zu einem ausgleichenden Rückpendeln in Richtung ursprünglicher Ist-Zustand. Und jedes Familienmitglied (Element) ist durch seine eigenen Lokomotionen beim Einpendel-Prozess behilflich, indem es, motiviert durch Angstgefühle und Scham vor anderen Mitmenschen, die Regeln einhält.

